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Projekt 01 — Robotik & Konstruktion

Fork Lifter

Aufnahmemodul für die Cargo Cobra · Antomation · 2024–2025

Ein Modul, das ein Gepäckstück im Frachtraum eines Schmalrumpfflugzeugs aufnimmt und an den Laderoboter übergibt. Entwickelt als Teil der Cargo Cobra — von der Handskizze bis zum montierten Prototyp, alleinverantwortlich.

Rendering des Fork-Lifter-Moduls: schwarze Rahmenkonstruktion mit sieben parallelen Förderriemen und flach auslaufender Gabelspitze.
ABB. 01Das Modul im Entwurf. Die flach auslaufende Spitze schiebt sich unter das Gepäckstück, die parallelen Riemen ziehen es auf die Plattform.
Kunde
Antomation
Tech-Startup, Singapur
Rolle
Alleinverantwortlich
end-to-end
Zeitraum
2024 – 2025
Disziplinen
Mechanik · Konstruktion
FEM · Prototypenbau
Ausgangslage

1,1 Meter. Mehr Platz gibt es nicht.

Weltweit starten rund 100.000 Schmalrumpfflüge pro Tag, und der Großteil davon wird von Hand beladen — von Menschen, die im Frachtraum knien, weil man dort nicht stehen kann. Genau dieses Problem löst die Cargo Cobra: ein autonomer Laderoboter, der über den vorhandenen Gepäckförderer in den Bauch des Flugzeugs fährt und dort selbstständig arbeitet.

Das System

Die Cargo Cobra von Antomation (Singapur) ist ein autonomer Roboter für das Be- und Entladen von Gepäck im Frachtraum von Schmalrumpfflugzeugen — mit Bilderkennung, omnidirektionalem Fahrwerk und einem Teleskopmechanismus, der mit rund 1,1 m lichter Höhe auskommt. Der Fork Lifter war das Modul, das die Gepäckstücke aufnehmen und an die Cobra übergeben sollte.

Aus dieser Einbausituation folgt die gesamte Gestalt des Moduls, und zwar zwingend. Bei 1,1 m Höhe kann nichts von oben greifen — das Modul muss flach unter das Gepäckstück fahren und es von unten aufnehmen. Also eine Gabel, die vorn spitz ausläuft, und umlaufende Riemen, die das Stück nach hinten auf die Plattform ziehen, während die Gabel darunter stehen bleibt.

Vorhanden war dieses Prinzip als Handskizze. Nicht vorhanden war alles, was daraus ein Bauteil macht: Geometrie, Auslegung, Werkstoffe, Antriebe, Lagerung, Montagekonzept, Stückliste. Und im Hintergrund eine Randbedingung, die keine Diskussion zulässt — der Roboterarm trägt, was er trägt. Jedes Gramm des Moduls geht von der Nutzlast ab.

Handskizze: Draufsicht mit den parallelen Riemenbahnen und Seitenansicht, wie die Gabelspitze unter ein Gepäckstück fährt.
ABB. 02Der Ausgangspunkt: Draufsicht mit den Riemenbahnen, Seitenansicht mit dem Einfahrvorgang unter das Gepäckstück.
Frühes CAD-Konzeptmodell: Keilkörper mit vier gabelförmigen Fingern, ohne Antrieb und Lagerung.
ABB. 03Erste Übersetzung ins CAD — Keilform und Gabelfinger als Prinzipmodell, noch ohne Antrieb, Lagerung oder Rahmen.
Die Aufgabe

Volle Modulverantwortung.

Der Auftrag war nicht, eine Teilaufgabe zuzuliefern, sondern das Modul als Ganzes zu verantworten — von der ersten Linie bis zur Inbetriebnahme. Das ändert die Art zu konstruieren: Wer später selbst montiert, zeichnet andere Teile. Wer selbst beschafft, wählt andere Normteile. Und wer selbst in Betrieb nimmt, denkt beim Entwurf schon daran, wie man an die Schraube wieder herankommt.

01Skizze
02CAD
03FEM-Auslegung
04Beschaffung
05Fertigung
06Montage
07Inbetriebnahme
Kern-
entscheidungen

Drei Stellen, an denen es kausal wurde.

01 Auslegung
FEM

Die Randbedingung ehrlich rechnen

Die Gabelarme tragen das Gepäckstück fliegend — vorn spitz, hinten eingespannt. Nach oben ist die Last dabei ohnehin gedeckelt: Der Roboterarm trägt maximal 70 kg, Modul und Gepäckstück zusammen. Gegen diese Grenze wurde ausgelegt.

Die erste Rechnung mit 3 mm Aluminium 6061 ergab rund 179 MPa Vergleichsspannung. Mit 5 mm Blech, einer dickeren Abstützung an den Schrauben und einer zusätzlichen Versteifung in der Mitte der Aussparung sank die Spitze auf 111 MPa.

Runde 1 · 3 mm Blech
179MPa
Vergleichsspannung nach von Mises, Auslegungslast
Runde 1 · 5 mm + Versteifung
111MPa
−38 % bei identischer Last
FEM-Ergebnis des Gabelarms in 5 mm Aluminium: Vergleichsspannung überwiegend niedrig, Maximum bei 1,608e+4 psi.
ABB. 04Gabelarm in 5 mm, Vergleichsspannung nach von Mises. Skala in psi — 1,608e+4 psi entspricht 111 MPa. Verformung 8,8-fach überhöht dargestellt.

Damit hätte man aufhören können. Nur war das Modell an einer Stelle zu freundlich zu sich selbst: Der Roboterflansch steckte als starre Einspannung darin — als könne sich die Anbindung selbst nicht verformen. Das ist bequem zu rechnen und in der Realität falsch.

Also die Randbedingung neu gesetzt, so dass sich die Platte an der Verbindungsstelle mitbiegen darf. Das Ergebnis war schlechter, nicht besser — rund 185 MPa, und die Spannungsspitze saß jetzt in der Verschraubung zum Flansch.

FEM-Ergebnis mit nachgiebig modelliertem Roboterflansch: die Anbindungsplatte leuchtet gelb, dort liegt die Spannungsspitze.
ABB. 05Dieselbe Baugruppe mit nachgiebiger Flanschanbindung: Die Arme bleiben ruhig, die Anbindungsplatte links leuchtet auf. 2,685e+4 psi ≈ 185 MPa.

Das war die eigentliche Erkenntnis des Kapitels. Nicht der Arm war die Schwachstelle, sondern seine Anbindung — und mit dem geschönten Modell hätte man sie nie gefunden, weil eine starre Einspannung per Definition keine Spannung anzeigt. Die Antwort war unspektakulär: Der Anbindungsblock wuchs von 20 auf 30 mm, danach lag der Sicherheitsfaktor wieder im grünen Bereich.

Eine Frage blieb bewusst offen und dokumentiert: ob die Querkraft am Flansch über Reibschluss aus der Schraubenvorspannung, über Passschrauben auf Abscherung oder über ein zusätzliches Biegeblech als Formschluss übertragen wird. Für den Funktionsnachweis trägt der Reibschluss. Für eine Serie ist das die nächste Rechnung — und sie ist als solche vermerkt, nicht übersehen.

Aus Aluminium gebaut wurden diese Arme am Ende trotzdem nie. Warum, steht unter Prototypen-Pragmatik.

02 Konzept
Riementrieb

Kraft statt Weg

Das Gepäckstück läuft über mehrere parallele Riemen, jeder braucht Spannung. Der naheliegende Weg: jeden Riemen einzeln über eine verstellbare Spannrolle nachziehen. Also Spannung über den Weg vorgeben.

Das funktioniert — hat aber einen Fehler in der Ursache. Bei Wegvorgabe hängt die tatsächliche Riemenspannung an der Summe aller Toleranzen: Riemenlänge, Rollendurchmesser, Lagersitz, Rahmenmaß. Jeder Riemen bekommt am Ende eine andere Spannung, und keiner weiß, welche. Nachspannen wird zur Erfahrungssache statt zur Einstellgröße — schlecht in einem Gerät, das im Flugzeugbauch zuverlässig laufen soll.

Die gewählte Lösung dreht das Prinzip um: eine gemeinsame Achse, auf der jede Rolle über ein eigenes Federelement sitzt. Die Feder gibt die Kraft vor, der Weg stellt sich ein. Damit ist die Riemenspannung definiert statt geschätzt, für jeden Riemen gleich — und Toleranzen verschieben nur noch die Position der Rolle, nicht die Kraft im Riemen.

03 Gewicht
Traglast

Am Limit der Traglast

Ein Modul am Roboterarm ist kein Bauteil, es ist Nutzlast. Die Obergrenze lag bei 70 kg. Die Konstruktion lag bei 62 kg — ohne Schrauben. Rechnerisch war Abstand da, praktisch war er weg, und das Gepäckstück soll ja auch noch getragen werden.

Grenze
70kg
maximale Traglast am Roboterarm
Konstruktionsstand
62kg
ohne Schrauben — praktisch keine Reserve
Eingespart
14kg
durch leichtere Antriebe, 10 → 3 kg je Motor

Material überall dünner zu machen hätte die Steifigkeit gekostet, die gerade erst erarbeitet worden war. Also ging der Blick auf den größten Einzelposten statt auf die Fläche: die Antriebe. Der Wechsel auf leichtere Motoren — von 10 kg auf 3 kg je Stück — brachte 14 kg, ohne eine einzige Rippe zu opfern.

Entlastet wurde damit nicht nur die Traglast, sondern vor allem das Moment in der Handachse. Bei ausgestrecktem Arm ist das die tatsächlich kritische Größe, nicht die Masse allein — und sie reagiert doppelt empfindlich, weil die Motoren weit außen sitzen.

Detailarbeit

Die Arbeit, die entscheidet, ob sich etwas montieren lässt.

Teilweise dargestellte CAD-Baugruppe: Rahmen, Umlenkrollen, Riementrieb und Lagerböcke, äußere Verkleidung ausgeblendet.
ABB. 06Teilweise dargestellte Baugruppe — Rahmen, Umlenkrollen, Riementrieb und Lagerung. Hier entscheidet sich, ob sich eine Baugruppe überhaupt fügen lässt.

Parallel zur Konstruktion lief die unspektakuläre Arbeit, an der Baugruppen tatsächlich scheitern: die systematische Kollisions- und Toleranzprüfung im CAD. Acht Punkte wurden erfasst, bewertet und abgearbeitet — Sicherungsringe, die sich mit Lagersitzen überschnitten; Lager ohne definierte axiale Sicherung; eine Wellenbaugruppe, die sich in der vorgesehenen Reihenfolge schlicht nicht fügen ließ.

Der größte Teil davon verschwand nicht durch acht Einzelkorrekturen, sondern durch eine Entscheidung: die Umstellung auf eine durchgehende Welle statt mehrerer gestückelter Abschnitte mit je eigenen Sitzen, Ringen und Passungen. Ein Bauteil weniger im Kraftfluss, und ein halbes Dutzend Probleme hatten keine Grundlage mehr.

Ergänzt um ein Montagekonzept mit steckbaren Wellen, die sich einsetzen lassen, ohne die Nachbarbaugruppe zu zerlegen — der Unterschied zwischen einem Prototyp, den man einmal zusammenbaut, und einem, an dem man arbeiten kann.

Prototypen-
Pragmatik

Wenn das Teil nicht kommt.

Zwei Bauteile waren nicht rechtzeitig beschaffbar. In einem Startup mit internationaler Lieferkette ist das der Normalfall, nicht die Ausnahme. Beide Male lautete die Frage nicht „wie warte ich?", sondern: Was ist die Funktion — und wie bekomme ich genau die schneller?

A

Das berechnete Blechteil → gedruckte Baugruppe

Es traf ausgerechnet die Bauteile mit zwei Runden FEM im Rücken: Die 5 mm Aluminium aus Abb. 04 und 05 wurden als Laserteil nicht geliefert. Ohne sie stand der gesamte Aufbau still.

Die Lösung: dieselbe Geometrie in Teilelemente zerlegen, die in den Bauraum des Druckers passen, und diese miteinander verschrauben. In Stunden verfügbar statt in Wochen. Die Rechnung ist damit nicht verloren — sie gilt weiter für die Auslegung in Blech. Der gedruckte Arm weist das Prinzip nach, nicht den Lastfall.

B

Sonderwelle → Standard-Gewindestange

Statt auf eine gefertigte Sonderwelle zu warten, übernahm eine Gewindestange aus dem Normsortiment die Funktion — extrem simpel, günstig und sofort verfügbar.

Beides sind Prototypen-Entscheidungen, keine Serienlösungen. Der Unterschied liegt nicht im Bauteil, sondern darin, dass sie bewusst getroffen und als Abweichung festgehalten wurden — damit später niemand rätselt, warum dort eine Gewindestange sitzt.

Gebaut

Vom Bildschirm auf den Tisch.

Die tragenden Teile entstanden im Haus auf drei Druckern, im Dauerbetrieb über Tage. Danach: entstützen, entgraten, sortieren, verschrauben, ausrichten — der Teil der Arbeit, den kein CAD abnimmt und der zeigt, ob eine Konstruktion durchdacht war oder nur schön aussah.

Ergebnis

Der Nachweis steht.

Erreicht

Funktionsnachweis validiert

Das Aufnahmeprinzip arbeitet. Gepäckstück aufnehmen und übergeben funktioniert wie ausgelegt.

Erreicht

Prototyp gebaut & montiert

Vollständig allein konstruiert, beschafft, gefertigt und zusammengebaut — kein Teilgewerk ausgelagert.

Ausstehend

Inbetriebnahme

Offen wegen verspätet gelieferter Motoren. Eine Frage der Lieferkette, keine der Konstruktion.

Onshape — CAD & FEM
Druckgerechte Konstruktion
3D-Druck PLA, in-house
Toleranz- & Kollisionsprüfung
Montagekonzept & Fügefolge
Stückliste & Normteilauswahl
Gewichts- & Momentenbilanz
Riementriebe & Lagerung
Internationale Beschaffung
Logo von Antomation

Der Fork Lifter entstand für Antomation Pte. Ltd., Singapur, als Teil der Entwicklung der Cargo Cobra — des ersten autonomen Laderoboters für den Frachtraum von Schmalrumpfflugzeugen.

Abbildungen aus eigenen Projektunterlagen, mit freundlicher Genehmigung von Antomation.

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